Warum wir so unglücklich sind

Neulich hörte ich bei einem Gespräch zu, wo jemand erzählte, wie unglücklich er sei, dass er das aber an keinem besonderen Ereignis fest machen könnte. Er hätte einfach immer den Eindruck, dass in seinem Leben etwas fehlt.

Auf diese Schilderungen hin, begann ich, mich mit vielen Freunden und Bekannten über genau dieses Thema zu unterhalten. Für mich überraschend war, dass jeder mit dem ich sprach dieses Gefühl nachvollziehen konnte. Allerdings fand jeder einen anderen Aspekt um es zu begründen.

Wir sind zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig. Wir haben studiert. Wir sind strebsam und engagiert. Wir arbeiten an unserer Karriere. Wir haben einen großen Bekanntenkreis und einen ausgewählten Freundeskreis.  Wir gehen ausgiebig feiern. Wir machen was mit dem Internet.

Wir haben immer eine Menge zu tun. Ob auf der Arbeit oder in der Freizeit – wer rastet der rostet.
Wir sitzen den Tag über in Meetings und abends mit Freunden in einer Bar. Zu Hause angekommen fallen wir ins Bett, um am nächsten Tage genau das gleiche Szenario durchzuspielen. Wir sind beschäftigt und das bedeutet, wir sind ausgefüllt – erfüllt. Aber sind wir das wirklich?

In all meinen Überlegungen und den Gesprächen bin ich immer wieder über einen Punkt gestolpert, der sich zu widersprechen scheint. Wir lieben unseren Job, er macht uns richtig Spaß, auch wenn es oft anstrengend ist. Aber er füllt uns nicht aus. Ich frage mich, woran das liegt. Vielleicht an der aufgepumpten Blase „Internet“. Vielleicht daran, dass wir abends nach Hause gehen und in unserem Büro nicht das vollbrachte Tagewerk sehen können.

Egal an was es konkret liegt, viele beginnen sich eine Beschäftigung zu suchen, die diesen Part im Leben übernehmen soll. In der Freizeit noch etwas sinnvolles machen, sonst riskiert man ja eventuell verschwendete Zeit. So schaffen wir uns häufig einen Job neben dem Job und sind eigentlich immer unterwegs.

Wo wir zum nächsten Punkt kommen, der für mich wesentlich zu sein scheint. Wir haben oft kein zu Hause. Wir haben Wohnungen, Schlafplätze. Oftmals durchaus groß und hübsch eingerichtet. Aber doch bleiben diese Orte viel zu häufig unbewohnt. Man ist lange im Büro, geht dann noch zur privaten Projektplanung über und trifft sich dafür mit Freunden eben noch in einem Restaurant. Effektiv verbringen die meisten von uns vermutlich die Zeit zwischen 21:00 und 7:00 Uhr zu Hause. In dieser Zeit räumen wir auf, was ansonsten in Eile in die Ecke geflogen ist, machen uns fertig fürs Bett oder eben die Arbeit und schlafen. Eventuell nutzt man auch mal einen Abend zu Hause um sich auf die Couch zu schmeißen und einen Film oder eine Lieblingsserie weiterzuschauen. Aber die Wohnung an sich bleibt auch dann ungenutzt.

Viele von uns sind Single. Die letzte Beziehung oft daran zerbrochen, dass man zu wenig Zeit für einander hatte oder der andere berufstechnisch wegziehen musste.
Jeder wünscht sich eine ernsthafte Beziehung, aber kaum einer traut sich noch ernsthaft danach zu suchen. Und überhaupt, wer braucht schon eine Beziehung?
Suche nicht danach, das ergibt sich ganz von alleine. Wie oft haben wir das alle schon gehört. Und aufgehört zu suchen. So lange, bis der Punkt kommt, dass wir meinen zu merken, naja, eigentlich haben wir ja auch gar keine Zeit für eine Beziehung. Damit ist der Punkt erreicht, an jedem, der ernsthaft interessiert ist an uns, so lange rumzukritteln, bis wir denjenigen auch ganz sicher verschreckt haben. Das ist aber okay, denn wir sollen ja nicht krampfhaft suchen.
Konzentrier dich auf deinen Job, der Rest kommt von allein. Tut er das?

Ich sehe immer häufiger, dass die Leute sich an eine enge Bindung ins Elternhaus klammern. Denn dort ist ein zu Hause und dort sind Menschen, die wir lieben dürfen, die uns auch lieben. Menschen, auf die wir nicht erstmal warten müssen. Wir sehen Traditionen – sich wiederholende Abläufe, die auch immer genau so sein müssen und von niemandem geändert werden dürfen.

Es fällt uns selbst schwer Traditionen zu begründen, da wir nie gezwungen sind etwas nochmal genau so zu machen. Es gibt immer einen anderen Weg, es gibt immer noch eine Option, die wir noch nicht ausprobiert haben. Und genau hier liegt wohl das Problem. Wir ersticken in einer Vielfalt an Möglichkeiten. Alles kann, nichts muss.

Das mag sich im ersten Moment ganz großartig anhören, bedeutet bei genauerem Hinschauen aber auch, dass wir nie die Möglichkeit haben werden zu sagen: „Das hat man damals halt so gemacht“. Wir müssen ständig Entscheidungen treffen und mit deren Konsequenzen leben. Bleibe ich in Deutschland oder mache ich internationale Karriere? Heirate ich meinen Freund? Will ich überhaupt ein Kind? Irgendwann haben wir diese Entscheidungen dann alle getroffen und merken, dass wir angekommen sind. Wir sind endlich angekommen und stellen fest: Wir sind unglücklich. Und haben dabei die Gewissheit, dass wir ganz alleine Schuld daran sind.

Vielleicht liegt die Lösung des Problems darin, uns in diesem Moment immer wieder daran zu erinnern, dass uns eben auch niemand sagt, wie lange wir an einem Halt auf unserem Weg zu warten haben. Wenn wir unzufrieden sind, können wir auch das wieder jederzeit ändern. Nur weil wir bereits viele Entscheidungen getroffen haben, die uns zu unserem Standpunkt gebracht haben, heißt dass ja nicht, dass wir ewig dort verharren müssen.

Die Alternative wäre zu sagen, dass wir uns vielleicht damit anfreunden müssen, auch mit allen Möglichkeiten der Welt, nie ganz glücklich werden zu können. Dagegen weigere ich mich.

All das soll heißen, wenn ihr unglücklich oder unzufrieden seid, bewegt Euren Arsch und ändert das. Macht das Problem aus und sucht einen Weg dagegen anzugehen. Hört auf, für eine gewisse comfort zone, in einem anderen Bereich Unzufriedenheit hinzunehmen.

Und das Wichtigste für den anstehenden Weg, wird von Haruki Murakami in folgendem Zitat ganz wunderbar zusammen gefasst:

Don’t pity yourself. Only assholes do that.

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9 Antworten zu Warum wir so unglücklich sind

  1. Marifle schreibt:

    Toller Artikel! Lassen wir uns anstossen! Eines der grossen Themen in der Lebenspraxis, sowie der Philosophie.

  2. Ich bin Anfang 40. Die gefühlte Hohlzeit hatte ich früher auch. Ging flugs vorbei, als ich sesshaft wurde. Das wiederum war nicht geplant – passierte einfach. 😉

  3. Andreas schreibt:

    Eine eigene Famile und eigene Kinder sind ein wunderbarer Weg, Zufriedenheit und Glück zu lernen. In den kleinen Dingen, die vorher ihre Selbstverständlichkeit verloren hatten… [Lebensweisheit eines 45-Jährigen, der immer noch irgendwas mit Internet macht]

  4. Dagger schreibt:

    Sehr schön so. Machen.

  5. Annette schreibt:

    Ich bin 50 und auf mich trifft vieles nicht zu, was du beschrieben hast – und trotzdem kenne ich das Gefühl .. ich schwanke zwischen „angekommen, kann so bleiben, auch wenn nicht alles toll ist“ und „weiter, weiter, da ist noch etwas, was ich haben will …“ Möglichkeit 1 ist kuschelig – aber auch *gähn* und gefühlt „zu alt“ für mich – Möglichkeit 2 ist sauanstrengend und oft haarscharf an der Kapitulation, aber auch inspirierend und schön, leider aber manchmal „zu jung“ für mich … was tun?
    Blöd ist, dass man die Ausruh-Zeiten und die Action-Zeiten oft nicht selbst bestimmen kann. Ich fühle mich, trotz Selbstständigkeit viel zu häufig ferngesteuert und fremdbestimmt. Das macht es sehr schwer, zufrieden und glücklich zu sein. Weil immer andere entscheiden, was gerade gut für dich ist … und womit du gerade zufrieden und glücklich zu sein hast …

  6. Pingback: Tag 13: Sunrise / Sunset | 365 Gedanken

  7. edithwally schreibt:

    Wenn du dir deinen Eintrag nochmal durchlesen würdest, würdest du die Antwort darauf lesen können. Du hast sie dir schon selbst beantwortet. Es ist zum einen die Zeit die man sich nicht mehr nimmt und zum anderen die Angst sich tiefer auf etwas einzulassen, nämlich auf sich selbst und die Anderen (man könnte ja aus der Rolle fallen). Heute rennt man in Markenkleidern von einem Termin zum anderen, passt sich den Menschen (Freunden) die man hat an damit man nicht aus der Rolle fällt, macht Diäten obwohl man sich eigentlich ganz wohl fühlt mit ein paar Pfund zu viel, und, und, und…man nimmt sich nicht die Zeit dem anderen in die Augen zu schauen, ihn zuzuhören (ich meine auch hinter seine Worte zu schauen), seine Wünsche hinter die Wünsche der Anderen zu stellen.
    Leider und vor allem Schade denn würde man es ändern würde man merken wie schön es ist einfach mit einem Freund in Jogginghosen dem Lauf eines Baches zu folgen oder mit ihm ein Butterbrot auf der Parkbank zu essen!

  8. Pingback: Tag 14: Need | 365 Gedanken

  9. Pingback: Die (Un)Glückswippe oder solang du in dir selber nicht zu Hause bist… | Licht-Winkel Berlin

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