Die emotionale Entnetzung – Trennung in Zeiten des Internets

Wenn man sich früher von seinem Partner getrennt hat, war der einzige „Account“, den man löschen musste der Name auf dem Klingelschild. Danach war es vorbei.

Heute sieht das alles etwas anders aus. Überall geht es darum sich mit möglichst vielen Menschen zu vernetzen. Aber was passiert eigentlich, wenn man plötzlich mit jemandem vernetzt ist, der einen aus seinem Leben gestrichen hat? Der Schluss gemacht hat. Wie geht man eine vernünftige „Entnetzung“ an?

Meine Trennung ist nun ein paar Wochen her und ich bade immernoch in einem Meer aus Informationen über meinen Ex, denen ich gefühlt einfach nicht entgehen kann. Dabei muss ich zugeben, dass ich mir die meisten davon selber heran hole. Früher haben vielleicht ehemals gemeinsame Freunde etwas von dem anderen erzählt. Denen konnte man einfach sagen, dass sie das doch bitte lassen sollen. Heute muss man sich selbst bitten, den anderen und alles um ihn herum unerwähnt zu lassen.

Das erste was ich nach dem Aus machte war, ihn auf Facebook zu blocken. Ich konnte es nicht ertragen zu sehen, wann er online ist oder was er liked und schreibt. Daraufhin löschte er mich am nächsten Tag. Trotz meines vorhergehenden Blocks war das ein Tritt in den Magen.

Ich ließ einige Tage verstreichen, bis ich realisierte, dass es ja durchaus auch noch andere Kanäle gibt, auf denen wir vernetzt sind. Als erstes beendete ich daraufhin die Freundschaft auf foursquare, denn wenn dein Ex eins nicht wissen muss, dann ist es was du genau zu welcher Zeit machst. Ob du zu Hause vegetierst oder sofort auf Streifzüge durch die Bars und Kneipen der Stadt gehst. Auf foursquare macht sich eine beendete Freundschaft nur durch einen Freund weniger bemerkbar und, dass die Aufenthaltsorte nicht mehr angezeigt werden.

Als nächstes entfolgte ich seinen Twitteraccounts und auch denen, die mit ihm näher verbandelt waren. Einer davon würde schon seiner Neuen gehören.

Weiter ging es auf Instagram und schließlich auf Pinterest. Alles raus. Allerdings war es ein ledigliches Entfolgen und Löschen.

Als ich merkte, dass mir all seine Accounts überall weiter folgten war mir das extrem unangenehm. Anfänglich dachte ich immer „Entfolge mich endlich! Du wolltest, dass es vorbei ist, jetzt zieh es auch durch.“ Es passierte allerdings einfach gar nichts. Immer wieder sah ich nach, ob er mir immer noch folgte, bis ich erkannte wie wahnsinnig das alles wurde.

Um mich von diesen Zwängen zu befreien blieb mir nur das Blocken übrig. Natürlich fragte ich mich dabei auch, ob er das bemerken würde.

Ich kannte es von Facebook, dass man eigentlich gar nichts merkt, wenn man vorher nicht regelmäßig miteinander agiert hat und z.B. weiß, welche Posts auf dem Profil angezeigt werden. Hier war es mir vor allem wichtig, nicht mehr im Chat sehen zu können, wann er online ist.

Auf Twitter läuft das ganze schon anders. Der Blockierte wird dir quasi entfolgt, sieht also, dass er einer Person weniger folgt und kann im Anschluss auch keinen der alten oder neuen Tweets mehr lesen.

Auf Instagram ist es das gleiche in Grün, nur das hier der Blockier-Prozess gefühlt wesentlich länger gedauert hat.

Ich blockte in dem Zusammenhang auch wieder alle vernetzten Accounts. Alle, die mit ihm agierten oder die über ihn berichteten.

Insgesamt war es eine Erleichterung. Denn ich hatte aktiv den Schritt nur „Entnetzung“ getan. Vermutlich hat es ihn nicht im geringsten interessiert, wirklich noch irgendetwas von mir zu lesen, aber das wichtige war: Mir ging es besser.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit ihm geführt habe, wo es genau um dieses „Entnetzen“ ging. Er erwähnte, dass er dabei nicht wüsste wie so etwas am besten zu handhaben ist, ohne den anderen noch mehr zu verletzen und eventuell wütender zu machen.

Ich mag ja Höflichkeit. Wirklich. Aber es gibt Momente wo höfliche Zurückhaltung und falsche Schonung einfach unangebracht sind. Denn was ich noch viel wichtiger finde als Höflichkeit, ist Ehrlichkeit.

Natürlich sollte man versuchen ein wenig Rücksicht auf die Gefühle des Anderen zu nehmen, wenn man sich trennt. Aber es ist einfach nicht möglich das ganze durch zuziehen ohne den Anderen zu verletzen. Wer sich trennen will, sollte es auf allen inzwischen verfügbaren Kanälen tun.

Ich kann auch andere Leute nach Trennungen beobachten, wie sie den oder die Ex weiter auf Facebook beobachten. Sich damit selbst alles viel schwerer machen als es sein müsste. Wenn ich frage, warum sie den anderen nicht einfach löschen, ist es fast immer die selbe Antwort, die ich bekomme: „Ich will, dass er sieht, dass ich auch ohne ihn glücklich sein kann, dass mein Leben weitergeht und ich Spaß habe.“

Was man damit aber wirklich tut ist eben nicht ganz normal weiterzumachen, sondern auf Pause zu drücken. Die Situation herauszögern, den anderen nicht komplett loslassen zu müssen. Und die bittere Wahrheit ist doch meistens, dass es den anderen gar nicht mehr interessiert, was man alles postet.

Was ich eigentlich sagen will ist:

Verlassende, spart Euch die Höflichkeiten, zieht es durch und seid ehrlich. Das ist eine Frage des Respekts dem Anderen gegenüber.

Verlassene, lasst Euch nicht von Statusnachrichten an die Vergangenheit fesseln. Macht weiter und löst Euch und wenn ihr dazu auch auf „Freundschaft beenden“ klicken müsst, tut das!

Und für alle Parteien gilt in jeder noch so schmerzhaften Situation: Alles wird gut. Auch wenn es manchmal länger dauert.

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5 Antworten zu Die emotionale Entnetzung – Trennung in Zeiten des Internets

  1. Pingback: Sind wir eigentlich noch ganz echt « carpe diem-Club – Blog

  2. Verlassen schreibt:

    Den Nagel auf den Kopf getroffen.

  3. Pingback: Die Welt ist ein Dorf. Durch Social Media – nett, oder? « Allgemein « DialogArtists

  4. Pingback: Das BarCamp Rhein Main 2012 – Besser spät als nie |

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