Körperlos durchs Netz

Vor ein paar Wochen geisterte das Mem #609060 durch Twitter. Die Bloggerin Journelle ärgerte sich darüber, dass es kaum möglich wäre, noch wirklich passende Klamotten zu kaufen.
Daraufhin brach die altbekannte Debatte darüber aus, was normal, unnormal, zu dick, zu dünn, krankhaft oder gesund sei. Auch ich konnte mir einen Tweet zum Thema nicht verkneifen, denn ich kam nicht über den Fakt hinweg, dass die Dame, die ja mit ihrer Figur nichts zum Anziehen findet, gerade mal eine 38/40 trägt. „Wenn sich schlanke Frauen über dürre Models aufregen.“ War also mein Kommentar zu der ganzen Diskussion. Kurz darauf meldete sich eine Journalistin bei mir, die gerne noch ein paar Worte zu dem Thema wechseln wollte.
In diesem kleinen Interview, habe ich davon erzählt, dass die Medien und das Web, einen sehr großen Teil an der ewigen Debatte um falsche Schönheitsideale verschuldet haben.
Doch betrachtet man das ganze aus einem etwas anderen Blickwinkel, hat uns das Internet auch einen ganz neuen Zufluchtsort, vor eben genau den dadurch entstehenden Diskriminierungen, gegeben. Man hört immer wieder davon, dass Jugendliche im Netz schlimm gemobbt werden, aber wer spricht überhaupt von den Freunden, die sie im Netz gefunden haben, völlig unabhängig von Konfektionsgröße oder Hautbild?

Zwischenmenschliche Interaktion im Web bietet uns die einzigartige Möglichkeit der Körperlosigkeit. Wir können hier ganz einfach als Meinung existieren. Andere Leute können uns und unser Denken konsumieren, ohne sich dabei von Vorurteilen jeglicher Art beeinflussen zu lassen. Menschen, die früher von anderen gar nicht angehört wurden, da sie nicht ernst genommen wurden, haben nun die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, sich auszutauschen, sich dadurch neu zu definieren.
Es mag eine verzerrte Wahrnehmung sein, aber ich habe das Gefühl, dass Onliner durch diese Körperlosigkeit ein wenig anders miteinander umgehen. Es ist in dieser Gemeinschaft durchaus an der Tagesordnung, die Meinung eines anderen zu kennen, ohne sich je mit dem Aussehen beschäftigt zu haben. Das gibt auch für eventuelle Reallifetreffen, den nötigen Mut sich selbstbewusst zu präsentieren.
Vielleicht muss der Wandel, den ich mir so wünsche, genau deswegen auch stärker aus diesem Umfeld vorangetrieben werden. Für Leute, die sich viel online bewegen, ist es ein leichtes, bearbeitete Bilder zu erkennen. Es gibt aber erschreckend viele Leute, die nicht abwägen, was man ihnen da präsentiert. Hier sollte sensibilisiert werden und Kampagnen, die sich mit einem gesunden Schönheitsideal auseinandersetzen, wie die von Dove oder der Brigitte, sollten nicht eingestellt, sondern noch mehr gepusht werden.
Man kann jetzt natürlich auch anführen, dass es viele Leute gibt, die sich deswegen eine fast eigenständige Identität im Web zugelegt haben. Eine, wo sie die eigenen Bilder so bearbeitet haben, dass sie ihrem Ideal oberflächlich wesentlich näher kommen. Natürlich ist so etwas, vor allem für Jugendliche nicht gut, aber vielleicht, ist es für viele auch der einzige Anker, an dem sie sich festhalten können. Der einzige Weg ein bisschen aufgebaut zu werden, bezüglich eines Themas, mit dem man es in der Realität nicht so leicht hat.
Und warum einige es im echten Leben so schwer haben, bringt uns zurück zum Anfang und dem #609060 Mem. Wenn Frauen, mit einer 38 oder 40, sich als so unförmig wahrnehmen, dass sie keine Kleidung mehr kaufen können, sollte man dringend schauen wo genau das Problem liegt. In den Köpfen der Frauen oder tatsächlich in der Industrie? Nicht, dass eine Antwort besser wäre als die andere, aber wenn es nicht mehr eine reine Kopfsache ist, dass die Figur nicht passt, hat man selbst als selbstbewusste Frau bald ein Problem. Das gleiche gilt natürlich auch für Männer.


– gefunden auf Faceboook

Vielleicht war mein Problem mit dem Mem auch an den Untertitel geheftet „Normale Menschen in Oberbekleidung“. Was ist schon normal? Wir sind alle Menschen, ob dick, dünn, groß oder klein – sollten wir damit nicht normal genug sein? Solange dem nicht so ist, sollte das Web als Zufluchtsort gewährt werden. Im Zweifelsfall sind gephotoshopte Menschen dann doch besser, als essgestörte, oder?

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Eine Antwort zu Körperlos durchs Netz

  1. Arni schreibt:

    Schön, dass du noch „Das gleiche gilt natürlich auch für Männer.“ geschrieben hast… :*

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